Grüße aus Lublin!


Nach über 1500 km sind wir bereits am Fahrrad fahren - Kuhles Leben. 16. April in Lublin, der Partnerstadt Münsters, angekommen. Wir haben Deutschland schon am 09. April, Klaus Geburtstag, verlassen und befinden uns ca. 80 km von der Grenze zur Ukraine entfernt. Die Stimmung ist gut. Heute brechen wir in Richtung Kiew auf. Soweit in drei Zeilen die wichtigsten Infos.

Aber warum haben wir uns eigentlich so lange nicht gemeldet?

Naja, die Antwort ist natürlich ganz einfach und klingt dennoch etwas komisch:

Wir mussten wieder lernen zu reisen bzw. zu radreisen. So haben wir z.B. schnell gemerkt, dass die von uns gewählten Tagestappen von bis zu 150 km zu lang waren. Wir waren aber “kilometer-versessen”. Unser Gepäck war noch zu schwer und zu umfangreich. Für unsere Körper war das eine ziemliche Schinderei. Wenn wir dann einen Ruhetag eingelegt haben, hatten wir natürlich nur Lust uns auszuruhen. Hinzu kam, dass wir bis Görlitz immer bei Freunden oder bei neuen Bekannten übernachtet haben, und da hatten wir natürlich viel mehr Lust, mit denen zu quatschen, als blog – Einträge zu schreiben… Einen kurzen Rückblick unserer erste Etappe Münster – Lublin ( Wir haben die gesamte Route in 12 Etappen aufgeteilt.) möchten wir euch trotzdem geben. Dieser fällt etwas länger aus. Wir hoffen zukünftig kürzere und häufigere Einträge machen zu können.

Von Göttingen bis Görlitz

Das wir letztmalig am 03. Oktober beim Münsterland-Giro über 100 km Rad gefahren sind, und somit etwas untrainiert zu Beginn unserer Radreise waren, merkten wir sehr schnell. Bereits in Leipzig (05.04) haben wir zwei Ruhetage eingeschoben. Lust an diesen Tagen etwas anderes zu machen, als sich auszuruhen, hatten wir nicht. Wir quälten uns aber zu etwas sightseeing und besuchten das Völkerschlachtdenkmal, die Alte Messe, die Nationalbibliothek, die Russische Kirche oder Bundesverwaltungsgericht. Außerdem reduzierten wir unser Gepäck uns schickten ein 5 kg Packet zu unseren Eltern…

Zuvor waren wir aus Elxleben (04.04) gestartet. Hier hatten wir bei Rene, den wir mit seinem Sohn zusammen auf dem Radweg kennen gelernt hatten, übernachtet. Es war unglaublich. Da fragen wir zufällig einen Mann mit seinem kleinem Sohn nach dem Weg und fahren ein Stück gemeinsam. Wir unterhalten uns gut und streuen in das Gespräch ein, ob wir nicht bei ihm übernachten könnten…keine Stunde später sitzen wir im mit seiner Frau, seinen zwei Kindern und seinem Schwager am Abendbrottisch….schlafen neben der 30 m langen Carrera Bahn des Jungen auf dem Dachboden und verlassen Elxleben nach einem kräftigen Frühstück am nächsten Morgen…

Auf unserer Reise durch Deutschland lag aber auch Mühlhausen. Bereits am 02.04 trafen wir in der wunderschönen, historisch vollständig erhalten Partnerstadt Münsters ein. Übernachten konnten wir bei der kath. Kirchengemeinde St. Josef, die uns ganz selbstverständlich einluden im Jugendkeller zu schlafen. Am nächsten Morgen hatten wir ein kurzes offizielles Programm mit Vertretern der Stadt Mühlhausen. Hierbei lernten wir auch Guido Kunze, DER Extrem – Radler aus Mühlhausen kennen. Er gab uns zahlreiche Tipps, wie unsere Radreise zu überstehen sei. Anfänglich von uns belächelt, gab er uns mehrere Hinweise, wie wir unser Sitzfleisch pflegen sollten – inklusive gegenseitiger Inspektion…aber dazu kommen wir noch…

Es folgt die Weiterreise über Dresden in Richtung Görlitz (08.04). Über Couch-Surfing hatten wir in Görlitz nach einer Übernachtung gesucht und bei Kathrin gefunden. Die Tageetappe war mit 145 km bei Gegenwind und Regen nicht ganz so super. Da wir in Dresden erst gg. 12.00 gestartet waren, kamen wir erst gg. 22.00 in Görlitz an…und haben durch Zufall Tobias getroffen, den Besitzer von Little John Bikes in Görlitz. Er kam gerade von der Arbeit, sah uns und fragte, ob er uns helfen könnte. Wir kamen ins Gespräch uns er bot uns an, dass er unsere Räder am nächsten Morgen durchchecken würde … Daraus entstand dann ein kurzer Zeitungsartikel in der Sächsischen Zeitung (zu finden unter Presse, Radio, Video).

Von Görlitz bis Lublin

Da wir von der Etappe tags zuvor ziemlich angeschlagen waren, brachen wir erst gg. 16.00 in Richtung Polen auf, nachdem wir die Nachbildung des Hl. Grabes in Görlitz besichtigt hatten. Zudem hatte Klaus Geburtstag und es war somit “König Klaus Tag”. Mit 15 km Durchschnittsgeschwindigkeit legten wir bis 20.00 ca. 40 km zurück, um unsere erste Nacht im neuen Zelt irgendwo in Polen zu verbringen und erstmalig unseren Kocher einzusetzten…Naja, hätten wir mal die Ausrüstung vorher ausprobiert…Das Zelt mussten wir aus der Erinnerung heraus aufbauen und mit dem Kocher hat sich Jörn seine Haare vom rechten Fuß abgefackelt…

Dann wurde es Nacht. Wir merkten sehr schnell, dass wir uns wieder an die Geräusche gewöhnen mussten…Unendlich viele Male sind wir nachts aufgewacht, und meinten große Tiere vor unserem Zelt gehört zu haben, die vielleicht die Essensreste aus dem Kochtopf naschen, bevor sie uns dann verspeisen würden…Irgendwann hatte Klaus zuviel uns versuchte mit dem uns allen bekannten “Tsch – Tsch” die Tiere zu verscheuchen. Wir trauten uns, das Zelt zu öffnen und sahen: keine großen Tiere, sondern einen Käfer, der in den Alu-Kochtopf gefallen war und vergeblich versuchte herauszuklettern und dabei die Geräusche von großen Tieren erzeugte … naja, zwei Männer, beide über 30, in Angst und Schrecken versetzt ;)

Um die Stadt Prudnik bzw. den Vorort Laka Prudnicka im Süden von Polen, an der Grenze zur Tschechei zu besuchen, das nicht auf der direkten Route nach Lublin liegt, fuhren wir mit dem Rad über Jelena Gora bis nach nach Walbrzych. Leider haben wir die Ausläufer des Riesengebirges unterschätzt. Über lange Serpentinen wuchteten wir unsere Räder von 200 auf 500 Höhenmeter. Hinzu kam ein sehr unangenehmer Gegenwind, sodass wir erst abends in Walbrzych (10.04) eingetroffen sind. Die Strapazen zeigten sich am Körper. Jörn bekam an verschiedenen Stellen im Gesicht Herpes. Klaus hatte Knie Probleme und sein Sitzfleisch brannte…Guido Kunze hatte recht behalten…wir befolgten seine Tipps – alle seine Tipps.

Nach langem Überlegen beschlossen wir, den Zug nach Prunik zu nehmen. Einerseits brauchten unsere Körper Ruhe und andererseits lagen wir mit den berechneten Entfernungen etwas falsch, sodass wir Sorge hatten, nicht pünktlich am 17.04 in Lublin zu sein, wo ein tolles Programm auf uns wartete (Wir hatten insgesamt für die Strecke Münster – Lublin mit 1200 km gerechnet – haben aber 1592 km zurückgelegt.). Die Zugfahrt verkürtze unsere Strecke um eine Tagesetappe mit dem Rad, also um ca. 90 km.

Laka Prudnicka (11.04) war vornehmlich das Ziel von Jörn, da dort das Elternhaus seines Vaters steht. 1945 flüchtete seine Familie von dort über das Riesengebirge in die Tschecheslowakei weiter nach Deutschland. Den Bauernhof, der auch heute noch bewohnt ist, fanden wir sehr schnell, da zuvor ein Bruder seines Vaters bereits Laka Prudnicka besuchte und den Weg beschrieben hatte. Wir machten ein paar Photos vom Haus, besuchten den ehemaligen ev. Friedhof, und verließen Laka Prudnicka in Richtung Kielce.

An verschiedenen Stellen in Polen sind unterschiedlichste Spuren von Deutschen bzw. von Nazi-Deutschland zu finden. Neben denen der Besiedlung in Schlesien, auch die der Konzentrationslager wie Ausschwitz oder Majdanek, das östlich von Lublin liegt.

Kielce erreichten wir am 14.04. Es war für uns auf dieser Reise die erste Großstadt, die wir auf dieser Tour in Polen ansteuerten. Die Tage zuvor sind wir vornehmlich durch die für Schlesien typischen Straßendörfer gefahren, die sich teilweise über mehrere Kilometer erstrecken. Wir übernachteten im Zelt – ohne aufzuwachen, da wir uns mittlerweile an die Geräusche gewöhnt hatten. Obwohl es tagsüber mit bis zu 25 Grad immer sehr warm war, konnten die Nächte sehr frisch werden, bis in den Minusbereich. Ein Problem stellte für uns auch der nahezu permanente Gegenwind dar, der zudem oftmals die Temperatur merklich kühler erschienen lies.

Trotzdem zeigte sich Polen für uns von seiner besten Seite. Der Frühling war überall spürbar. Die Felder erstrahlten in einem kräftigen grün. Die Landschaft war abwechslungsreich – von harmonischer Hügellandschaft über endlose Äcker und Felder bis hin zu dichten Waldgebieten. Einheitlich in Polen ist dagegen der katholische Glaube. Gerade in Südpolen sind hunderte Wegkreuze, Kapellen und Kirchen zu finden. Und nicht nur um Ostern sind die Wegkreuze geschmückt und die Kirchen prall gefüllt.

Für die Menschen in Polen scheinen wir Radreisende spannend zu sein. Wir werden oftmals lange und kommentarlos angeschaut – manchmal zu lange, sodass der Roller-Fahrer, der uns entgegen kam, die Kurve übersah und in den Graben fuhr. Zum Glück ohne großen Schaden davon zu tragen. Wie von uns vorausgeahnt, machte der Autoverkehr Probleme. Zuviele fahren zu schnell und zu rücksichtslos. Unfälle sind vorprogrammiert und die zahlreichen Kreuze an Unfallstellen links uns und rechts der Straße zeugen davon.

Auch in Kielce konnten wir über Couch-Surfing eine Unterkunft finden. Michal, der Psychologie studiert hatte, wohnt in einem Ein-Zimmer-Appartment, dass für eine Nacht aus Platz für drei bot. Er zeigte uns Kielce, das seit jeher für seine funktionierende Existenz des “schwarzen” (Kirche) und “roten” (Politik) Kielce bekannt ist. Da seine ehemalige Schulfreundin heute als Reporterin bei TV Poland arbeitet, wurden wir zu einem Interview bei TV Poland eingeladen (Video und Artikel unter Presse, Radio, Video).

Partnerstadt von Münster: Lublin

Nach einer weiteren Übernachtung im Zelt und der Überquerung der Weichsel erreichen wir entspannt Lublin (16.04). Uns fällt sofort der jugendliche Charme Lublins auf. Mit seinen verschiedenen Universitäten, wie z.B. der katholischen Universität Papst Johannes Paul II, und Privathochschulen wuselt es im Stadtbild nur so von jungen Menschen. Lublin zeigt sich als moderne, kulturgeprägte Stadt, dass mit seiner noch nicht vollständig renovierten Allstadt ein besonderes Flair bietet. Das Wahrzeichen bildet das Krakauer Tor. Treffpunkt für jung und alt. Nabel Lublins.

Bereits vor unsere Radreise hat der Freundeskreis Lublin – Münster und die Stadt Lublin ein viertägiges Programm für uns vorbereitet. Wir lernten mehrfach die gute Küche Polens, mit seinen hervoragenden Suppen, den verschiedenen Pierrogen (gefüllte Teigtaschen) und ihrer Vorliebe für Kohl kennen, besichtigten die Schlosskapelle und nahmen an einem deutsch-polnischen Jugendaustausch teil, bei dem wir, ähnlich wir bei einem Treffen des Freundeskreises Lublin – Münster, von unsere Radreise berichteten. Außerdem wurden wir vom Stadtpräsidenten (= Oberbürgermeister) Lublins, mit dem wir über die Bewerbung seiner Stadt als Kulturhaupstadt 2016 und die Infrastrukturmaßnahmen zum Ausbau des Radwegenetzes austauschten.

Super war dabei, dass Eva, die Freundin von Jörn, und Ludger, ein guter gemeinsamer Freund und Mitglied des Radteams TDL, spontan nach Lublin gereist sind und am gesamten Programm teilnehmen konnten. Zusammen mit Marta vom Freundeskreis Lublin – Münster, in der wir einen gute Freundin gefunden haben, hatten wir eine tolle und wunderschöne gemeinsame Zeit in Lublin.

Wer Lust hat, Lublin kennen zu lernen, kann dies im Rahmen einer Anfang Juli stattfindenden Bürgerfahrt machen. Infos gibt es bei der Stadt Münster.

Neben dem offiziellen Programm besichtigten wir das ehemalige Konzentrationslager Majdanek, das östlich von Lublin liegt. Die Stimmung ist sehr bedrückt. 80.000 Menschen sind hier vernichtet worden. Wie können Menschen das Menschen angetan haben.

Heute (21.04) werden wir Lublin verlassen und irgendwo in der Nähe der Grenze zur Ukraine übernachten um morgen die Grenze zu passieren. Die Radreise geht weiter…das Abenteuer auch…

Etappe 1: Statistik

Bald kann unsere Route im Internet exakt anhand von GPS Daten verfolgt werden. Bis dahin hier eine Kurzzusammenfassung der Route:

28.03 Münster – Bad Iburg/Glane: 75 km

29.03 Bad Iburg/Glane: Orga – Tag

30.03 Bad Iburg/Glane – Paderborn: 119 km

31.03 Paderborn – Göttingen: 149 km

01.04 Göttingen: Ruhetag

02.04 Göttingen – Mühlhausen: 78 km

03.04 Mühlhausen – Elxleben: 63 km

04.04 Elxleben – Leipzig: 156 km

05.04 Leipzig: Ruhetag

06.04 Leipzig: Ruhetag

07.04 Leipzig – Dresden: 144 km

08.04 Dresden – Görlitz: 143 km

09.04 Görlitz – Zlotniki Lubanskie: 40 km

10.04 Zlotniki Lubanskie – Walbrzych: 110 km

11.04 Walbrzych – Prudnik: Zugfahrt

12.04 Prudnik – Toszek / Wielowies: 91 km

13.04 Toszek / Wielowies – Lelow: 97 km

14.04 Lelow – Kielce: 108 km

15.04 Kielce – Balow: 106 km

16.04 Balow – Lublin: 93 km

17. – 20.04 Lublin: Programm

21.04 Lublin – Grenzort Ukraine

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Artikel vom 21. April 2009 | Joern | Nachricht an Joern schreiben